Freie Jungenliebende ohne freie Jungen?


ein text von jay_h


Der befreite jungenliebende

Während der letzen zwei jahre hat sich auf dem internet eine bewegung gebildet, die nur noch mit verstärktem polizeiapparat und internationaler kooperation der strafverfolgungsbehörden aufzuhalten ist: die Boylover-Bewegung.

Vor einigen jahren waren einzelne jungenliebhaber isoliert. Die einzige möglichkeit, ihrem charakter entsprechend zu leben, bestand darin, sich entweder einer zentralen organisation anzuschliessen (etwa den regionalen pädophilen-selbsthilfegruppen oder der international agierenden NAMBLA) oder sich in esoterischen zirkeln zu engagieren, die oft die gestalt eines ausbeuterischen "knabenschänder-rings" annahmen. Durch die dezentrale struktur des internet haben heute boylover aller vernetzten nationen zugang zu seiten mit boylove-spezifischen inhalten, ebenso wie die möglichkeit, sich mit jungenliebenden aus anderen teilen der welt auszutauschen. So ist ein weitverzweigtes netz von aktionen, engagements, projekten und nicht zuletzt persönlichen freundschaften entstanden, die zusammengefasst als Boylove-Movement bezeichnet werden können.

Die teilnehmer dieser bewegung verfolgen nur bedingt die selben ziele. Ihre standpunkte sind von der individuellen weltanschauung wie von der gegebenen sozialen und politischen umwelt des einzelnen geprägt. Es besteht - dem medium entsprechend - innerhalb der bewegung kein zentrales organ, das die einzelnen initativen koordiniert und ideologische anweisungen erteilt. In kleinem rahmen wird versucht, anarchistische momente innerhalb der bewegung zu leben, ansichten anderer ernst zu nehmen und zu diskutieren, sowie jeder meinung innerhalb des boylove-komplexes eine daseinsberechtigung zu geben.

Noch ist auch diese bewegung relativ in sich abgeschlossen. Kontakte nach aussen werden gesucht, aber oftmals stösst man auf die bekannten vorurteile der moralischen machthaber. Dem versuch, den eigenen standpunkt in aktuelle moralische, ethische, philosophische, politische oder legislatorische diskussionen einzubringen, wird mit dem argument entgegengetreten, dass "kinderschänder" nicht das recht haben, "ihr maul aufzureissen!" Der versuch - nebenbei gesagt - , menschen durch reduzierung auf ihre sexualität mundtot zu machen, lässt am demokratieverständnis dieser art von wortführern zweifel aufkommen.

Aus einer starken bewegung aber, wie wir sie -begünstigt durch die offenen strukturen des internet- momentan antreffen, wird zwangsläufig etwas dauerhaftes erwachsen. Dieser gedanke entspringt keinem Hegelschen geschichtsverständnis, sondern gründet in dem faktum, dass nicht zurückgenommen werden kann, was einmal gedacht ist. Was hier und jetzt innerhalb der jungenliebenden-bewegung gedacht wird, findet seinen niederschlag in der schrift. Sie transportiert die gedanken, sei es nun innerhalb einer website oder -wiederum dem medium gemäss- in einem chat-forum. Die flüchtigkeit der gesprochenen sprache weicht einer dauerhaftigkeit der geschriebenen sprache. Was früher in dunklen winkeln hinter vorgehaltener hand in des anderen ohr geflüstert wurde, wird nun öffentlich, jedem interessierten zugänglich. Das hier und jetzt geschriebene lässt sich nicht auslöschen; es wird festgehalten durch die speicherung auf tausenden von festplatten auf der ganzen welt. Das individuum, das aus scham verschweigt und vergisst, wird ersetzt durch gefühllose computer, die weitaus geduldiger sind als nervenzellen.

So entsteht eine bewegung mit gedanken und ideen, projekten und deren realisationen, die nicht mehr unterdrückt werden kann. Kein verschweigen durch die christlich-moralisch geprägten meinungsbilder und -blender ist mehr effektiv, da diese informationen auf dauer ihren weg zu den adressaten finden werden. Das wachstum und die konsolidierung der jungenliebenden-bewegung ist -auch ausserhalb des internet- nur eine frage der zeit.

Eine zugegebenermassen optimistische einschätzung der gegenwart und der zukunft wurde in den letzten absätzen entwickelt. Sozusagen ein "best-case-szenario" (oder "worst-case", je nachdem wie sehr die eigene reflexionsfähigkeit schon durch die meinungsblender reduziert worden ist). Gehen wir von diesem szenario aus, so werden in absehbarer zukunft jungenliebende den heutigen gesellschaftlichen status der schwulen erreicht haben: toleriert, aber nicht für gleich befunden.

Zu hoffen ist, dass jungenliebende nicht in die selbe irre laufen werden wie die schwulenbewegung der gegenwart: der kampf um gleichberechtigung führte in diesem fall zu weit, wandelte sich in heuchlerische assimilation, in kooperation mit den machthabern. Das jedoch führt zum verrat an früheren verbündeten. Im bestreben, die nichtigen vergünstigungen, wie z.b. den beobachterstatus bei der UNO, zu bewahren, werden mitstreiter wie die jungenliebenden ohne wimpernzucken geopfert.

Allerdings besteht ein gewichtiger unterschied zwischen den zwei bewegungen. Ein befreiter schwuler kann heute seinem charakter entsprechend leben und sich einen ebenso freien partner suchen. Der suche nach dem individuellen glück kann nur noch das eigene unvermögen steine in den weg legen. Einem von den gesellschaftlichen vorurteilen befreiten jungenliebenden ist das aber nicht möglich. Das objekt seiner liebe ist immer noch unfrei.

Die befreiung des jungen

Wie B. Bendig in seinem theorie-beitrag zum 1997 erschienenen reader "Pädophilie ohne Grenzen" ausführt[1] , gehört die tabuisierung der sexualität zu den grundlegenden strategien der normerhaltung innerhalb der westlich-zivilisierten gesellschaften. Treibende kraft hinter der normerhaltung ist die macht, die sich entschieden dagegen wehrt, ihren einfluss beschneiden zu lassen. Ihr dient die norm als werkzeug.

Die ausgrenzung des sexuellen aus dem alltäglichen leben wird dem kind von klein auf aufgezwungen, etwa durch aussparung der geschlechtsteile bei der normalen körperlichen zuwendung, die das kind von den eltern erfährt. Diese ausgrenzung, die natürlich widernatürlich ist, wird von den pflegepersonen dem kind als norm weitergegeben. Unbewusst wird dieser normbegriff dann übernommen und soweit verinnerlicht, dass er uns nicht mehr als usurpierte norm, sondern als unserer natur entsprechend erscheint.

Dadurch verlieren wir unser angeborenes ganzheitsgefühl und beginnen unsere wünsche, gefühle und sehnsüchte zu unterscheiden in normgerecht und nicht normgerecht. Nicht normgerecht ist es, dass wir uns als kinder von unseren eltern oder anderen erwachsenen im genitalbereich berühren lassen. Normgerecht ist es hingegen, als erwachsener einen gegengeschlechtlichen partner zu suchen, ihn zu heiraten und sex mit ihm zu haben. Diese normen werden gesetzt von einer macht, die nur im sinne hat, sich selbst zu erhalten. Unbewusst geben eltern diese normen an ihre kinder weiter; es gibt also keine "täter", die den kindern die freie entfaltung ihrer sexualität verbieten, noch gibt es "opfer", falls wir in ihnen nur eben diese kinder sehen. Es gibt nur opfer: opfer der macht. Allerdings sind sich diese opfer ihres opferstatuts` gar nicht bewusst, da die strukturelle gewalt, die durch die normierung ausgeübt wird, durch eben diese normierung maskiert wird. Wären wir in der lage, diese künstlichkeit des normierungsprozesses zu erkennen, so könnten wir aktiv versuchen, uns von ihm zu befreien. Das allerdings führt zu einer minderung der macht, da freie menschen nicht das bedürfnis haben, macht auszuüben.[2]

Da macht sich selbst erhalten will, lässt sie das nicht zu und setzt ihr mittel der normierung nur noch intensiver ein. So wurde das sexualtabu (als folgenschwerste manifestation der normierung auf sexuellem gebiet) das vorherrschende tabu unserer zeit, und die momentane missbrauchs-hysterie, die darauf basiert, entpuppt sich als handlanger der macht.

Der freie mensch will nicht normieren. Er will, um zu unsrem thema zurückzukommen, einem jungen nicht vorschreiben, an welchem körperteil er sich berühren darf, und an welchem nicht. Ebenso wenig will er einem jungen vorschreiben, an welchem körperteil er sich von wem berühren lassen darf, und an welchem nicht (bzw. von wem nicht). Der freie mensch übt sich so in machtverzicht. Der junge, der als kind von einem freien menschen gepflegt wird, übernimmt keine normen, die als werkzeuge einer macht fungieren. Er wächst in einheit mit seinen wünschen, gefühlen und sehnsüchten auf, und artifizielle normen haben für ihn keine relevanz. Dieser junge wird lustgewinn als lustgewinn empfinden und als nichts anderes! Er wird, wie jeder freie mensch, versuchen, diesen lustgewinn zu erreichen, und er wird sich bei diesem versuch nicht von regelungen abhalten lassen, die von aussen gesetzt sind, sondern wird seinen eigenen regeln folgen.

Dem freien jungen wird nicht eingeimpft, dass sex mit einem erwachsenen schlecht ist. Der freie junge wird selbst entscheiden, was für ihn gut ist und was nicht.

Einseitige freiheit

Die befreiung des jungen und diejenige des jungenliebenden lässt sich nur teilweise durch die bekämpfung der selben christlich-moralischen grundsätze und normen erreichen. Der jungenliebende ist frei, sobald die bewegung erreicht hat, dass die einschlägigen gesetze und vorschriften (wie das schutzalter) fallen. Auch er kämpft somit gegen die macht, aber er kämpft nur gegen deren auswirkungen. Die befreiung des jungen jedoch setzt einen kampf gegen die ursachen der macht voraus.

Dieser kampf kann nicht von den jungen allein gekämpft werden. Jungenliebende können ihre position im kampf für die eigene sache eindeutig eruieren. Freunde und feinde sind bestimmt und geben sich deutlich zu erkennen. Jungen haben es schwieriger. Sogenannte kinderschützer - allesamt selbsternannt und ohne jeden auftrag derjenigen, die sie zu schützen vorgeben - nehmen eine scheinposition ein. Stehen sie offiziell auch auf der seite der jungen, so schaden sie doch dem wahren kampf um deren freiheit. Sie haben einzig vor, die jungen vor sich selbst zu schützen, vor ihren gefühlen und ihrem bewusstwerden einer einheitlichen identität ohne bruch durch das sexualtabu. Kinderschützer werden so zu werkzeugen der macht. Ihr einziges ziel ist die erhaltung der momentanen gesellschaftlichen machtverhältnisse, indem sie den kindern ihre eigenen falschen vorstellungen von moral weitergeben.

Jungen müssen also zuerst diese falschen freunde als solche erkennen und loswerden. Wie aber sollen sie das machen, wenn sie ihnen andauernd ausgesetzt sind und von ihnen beeinflusst werden, in medien und erziehung.

Die jungenliebenden haben deshalb eine weitere aufgabe. Sie sind zur zeit die einzigen, die den jungen auf ihrem weg zur freiheit unterstützung gewähren können. Sie haben sich vom einfluss der meinungsblender befreit und können ihre, auf dem weg zu sich selbst erworbenen, einsichten den jungen vermitteln. Im weiteren macht es keinen sinn, als befreiter jungenliebender unfreie jungen zu lieben. Eine solche beziehung wird meist unglücklich enden; für welche seite auch immer.

Aus diesen gedankengängen folgt die notwendigkeit, den kampf für die befreiung der jungenliebenden mit demjenigen für die befreiung der jungen zu koppeln. Auch für den letzgenannten kampf besteht bereits eine basis: jungen auf der ganzen welt sind erstaunlicherweise (oder vielleicht ist das gar nicht so erstaunlich) bereits in der lage, die gesellschaftliche machtlüge als solche zu erkennen und gegen sie anzutreten. Jungen auf der ganzen welt wehren sich für ihr recht, die person zu lieben, die sie als liebenswert erachten. Sie wehren sich dafür, mit denjenigen personen sex zu haben, mit denen sie das gern wollen. Sie wehren sich gegen bevormundung und gegen die einschränkung ihrer möglichkeiten. Sie wehren sich dafür, dass ihre befähigung, nein zu sagen, auch ihre befähigung, ja zu sagen, mit einschliesst.

Diese -oft verzweifelten- versuche, eine eigene identität zu erlangen und sich das recht über den eigenen geist und körper zu erkämpfen, müssen unterstützt werden. Die gemeinsame anstrengung, die verlogene sexualmoral zu stürzen, wird letzlich jungenliebende wie jungen befreien und der unersättlichkeit der macht ein gelebtes ideal des freien menschen entgegensetzen.


anti-copyright 1998 by jay_h
für meinen bruder

[1] B.Bendig: Der Identitätsbruch als Herrschaftsbedingung- über die gesellschaftliche Funktion des Sexualtabus. In: Bernard, Frits (hrsg.). Pädophilie ohne Grenzen. Frankfurt a. M., 1997.

[2] vlg. dazu die anarchistischen theorien von Max Stirner und John Henry Mackay