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Zum Buch "Höllenkind"
von Reinhard Knoppka
Zwei kritiken zur Knoppkas buch "Höllenkind". Die erste
stammt von mir, die zweite hat mir freundlicherweise Kerus zur veröffentlichung
überlassen.
Der sieg des inhalts über den stil.
Die zeiten, als pädos noch zu den literarischen grössen ihrer
epoche gehörten, sind anscheinend endgültig vorbei. Gide, Montherlant,
Peyrefitte stehen als paten für diese epoche, in England gehörte
Caroll dazu, in Italien Pasolini und Penna, Burroughs sei stellvertretend
für alle Amerikaner genannt. Deutschland war da schon länger
eher brachland, was an der spezifischen politischen situation liegen mag,
in der das land sich immer wieder fand, und die jeweils eine freie literarische
entfaltung in diesem gebiet nicht gerade förderte. Und schon zu anfang
des jahrhunderts waren die mutigsten schriftsteller nicht zwingend auch
die besten. Mackay zum beispiel gehörte sicher zu den grossen kämpfern,
zu den grossen stilisten aber ebenso sicher nicht.
145 seiten kindersprache
Und wie sieht das nun zu anfang des neuen jahrhunderts aus? Im ausland
gar nicht mal so schlecht. Da erscheinen immerhin bücher wie "Loving
Sander", um nur ein beispiel zu nennen. Aber in Deutschland? Da haben
wir Thomas Böhme, der stilsicher wie kaum ein anderer ist. Dann fällt
mir noch Frank Goyke ein, der einen sehr eingängigen, gefälligen
und gleichzeitig sicheren stil schreibt. Und sonst? Lesen wir autoren
wie Reinhard Knoppka. Und zwar, so muss ich leider sagen, vor allem aus
mangel an besserem. Die pädo-autoren scheinen unter einem solchen
druck zu stehen, sich selbst und den inhalt ihrer bücher relativ
unangreifbar zu gestalten, dass dabei der literarische anspruch völlig
unter den tisch fällt. Es geht offensichtlich nur noch um inhalt,
alles andere, was literatur auch noch ausmacht, wird dem untergeordnet.
Wie sollen wir uns sonst erklären, dass Knoppka ein buch schreibt,
das über 145 seiten in einer kindersprache versucht, das leben eines
kindes darzustellen? Alles, was dabei herauskommen kann, ist die ansicht
eines jungen über seine eigene, gegenwärtig erlebte kindheit.
Das ist natürlich nicht der schlechteste ansatz, aber durch den verzicht
auf jegliche selbstreflektorische einmischung des erwachsenen autors verbaut
sich Knoppka selbst die möglichkeiten, die dieses thema ihm potentiell
öffnen würde.
Aber sehen wir uns an, was Knoppka uns vorlegt. Die innenansicht einer
kindheit in einem von nonnen geführten heim wird aus der sicht und
in den worten des kindes selbst erzählt. Da tauchen böse nonnen
auf, aber mitunter auch nette ältere menschen, wie der gärtner,
der sich seine sexuelle befriedigung lieber bei knaben denn bei seiner
frau holt. Das ist aber aus sicht des jungen recht harmlos und hier wie
anderswo im roman scheint der sexualpädagogische impetus Knoppkas
durch, der offensichtlich zeigen möchte, dass kinder viel mehr unter
"wohlmeinenden" erwachsenen zu leiden haben, denn unter den
in der öffentlichkeit gebrandmarkten "kinderfreunden".
Ebenso positiv wie Oppa, der gärtner, wird später ein pfleger
im krankenhaus, in dem der junge wegen hüftproblemen einen gips verpasst
bekommt, gezeichnet. Dieser pfleger ist der antipol zu den sadistischen
und nur auf sich und ihre ruhe bedachten nonnen im kinderheim. Selbstlos
setzt er sich für die kinder ein, versucht, in ihre welt eintritt
zu erhalten, um ihnen so die angst vor dem krankenhaus zu nehmen. Man
hofft, dass an deutschen kinderkliniken einige solche menschen zu finden
sind. Natürlich gibt es auch im kinderheim erzieherinnen, die sich
für die kinder wirklich interessieren und die ihnen den aufenthalt
erträglich machen. Knoppka vermag da sehr wohl ein differenziertes
bild der wohl schon einige zeit zurückliegenden zustände in
den heimen zu zeigen.
überschäumende metaphern und semantische entgleisungen
Auch wenn die story nicht wirklich mitreisst, so öffnet sie uns doch
eine welt, eine erfahrung, die wir nach der lektüre nicht mehr missen
wollen. Sie führt uns auch zurück in die eigene kindheit, mit all ihren
absurden konnotationen, die dem kindlichen hirn tagein tagaus einfallen.
Dass die überschäumende fantasie des jungen allerdings in ebenso überschäumende
metaphern gezwängt wird, die den authentischen kindlichen sprachgebrauch
überschreiten, fällt je länger je störender auf. Glaubwürdig ist die christliche
metaphorik, und bestürzt erleben wir, wie das kind immer wieder versucht,
reale erlebnisse mit personal aus der bibel zu verknüpfen und so eine
erklärung zu finden für das, was um es herum vorgeht. Wie weit es sich
dadurch von der realität enfernt, lässst an den christilichen erziehungsgrundsätzen
(die allerdings von den nonnen durch prügelorgien sowieso pervertiert
werden) so einige zweifel erwachsen. Unglaubwürdig ist im gegensatz dazu
aber die rhetorische fertigkeit, die, wenn auch öfters mal den falschen
weg nehmend, dem kind eigen ist. "Er drehte mir den Allerwertesten zu
und sich selber eine Zigarette" ist auf der einen seite eine entsetzliche
semantische entgleisung und auf der anderen seite eine konstruktion, die
das abstrakte sprachvermögen eines fünfjährigen kindes bei weitem überschreitet.
Hier hätte ein lektor unterstützend eingreifen müssen.
Um nocheinmal auf Knoppkas schrifsteller-kollegen zurückzukommen: Josef
Winkler arbeitet sich schon seit jahren an seiner kindheit im katholisch
geprägten Kärnten ab. Man kann Knoppka als gegenpol zu Winkler lesen.
Wer von den beiden die literarisch bessere arbeit vorlegt, ist schnell
beantwortet. Das sollte uns aber nicht davon abhalten, Knoppkas text zu
lesen und zu reflektieren. Die konfrontation mit der lebensgegenwart eines
kindes (auch wenn sie schliesslich doch von einem erwachsenen ersonnen
wurde) kann eigentlich nur gewinn bringen.
jay_h
Von Mensch zu Mensch
"Höllenkind" heißt das neueste Buch von Reinhard
Knoppka. ( Jahn & Ernst- Verlag , 2000) Eindringlich und sehr plastisch
fand ich diese Geschichte von einem liebenswerten "Höllenkind".
Ein kleiner Junge wird in einem Heim zum Knaben. Er hat enorme Mühen,
sich in den Bedeutungswirrwarr von Geschichten und Wahrgenommem einzuarbeiten
- MIT SEINEN Erfahrungen. Er erschließt sich die Bedeutungen seiner
jungen, kleinen Welt so, wie sie FÜR IHN einen Sinn machen und entfaltet
sie von sich aus. Höllenkind ist kein Knirps als "leeres Gefäß",
in das nun Bildung und kulturelle Bedeutung fließt. Er ist ein junger,
vitaler und wacher Mensch, der sein Erleben den vorgegebenen Bedeutungen
und auch Gefühlen zuordnet und mit sich dabei enorm zu ringen, zu
leiden und zu lernen hat. Knoppka zeigt nicht das pädagogische KIND.
Er stellt einen richtigen jungen Menschen vor, der sich seine Zusammenhänge,
seine Welterklärungen, sein Verstehen-wollen-und-müssen eher
monadisch-eigenständig entwickeln muß.
Deutlich wird berichtet, wie der Junge das macht und wie wenig zielgenau
noch so gute pädagogisierte Vorgaben dabei eine eigenständige
Verarbeitung erfahren, die seine Nonnen-Erzieherinnen so sicher nicht
geplant haben. Das finde ich stark und neu. Der Text bildet so sehr einfühlsam,
spannend und auch drollig eine Lerntheorie ab, die darauf vertraut, daß
auch Höllenkind bereits ein richtiger Mensch ist und nicht ein' "leeres",
beliebig lernfähiges, biegsames und gestaltbares KIND.
Emotionales Alleingelassensein
Deutlich - und tief beeindruckend - zeigt Knoppka, wie das gelingt mit
einem geliebten Menschen zusammen, zu dem eine ihn bergende Beziehung
entsteht : dem Oppa. Er ist nicht Erzieher im Heim und sein Umgang mit
dem kleinen Höllenkind liegt jenseits von Pädagogik. Alle anderen
Erwachsenen des Heims sind für den Jungen extrem weit auşen, sind
oft unverständlich und eher nicht direkt fördernd. Sie bekommen
offenbar wenig bis gar nichts mit, was in dem kleinen Kerlchen vorgeht.
Sie haben keine Ahnung, welche Ernsthaftigkeit, Freude, Staunen und Not
das für den Kleinen bedeutet. So sind sie -.jedenfalls didaktisch
/ pädagogisch - eher einflußlos in ihrem erzieherischen Bemühen.
Sie sind nicht hilfreich weil ohne emotionale und verstehende Nähe
zum Jungen. Kleine, junge Menschen können und müssen ihre Welt
immer vorrangig allein zu begreifen suchen. Am besten gelingt ihnen das
in der verständigen Geborgenheit zu anderen Erwachsenen. Da Höllenkind
Waise ist, sucht er sich den Oppa, und der kann den kleinen Kerl mögen,
so wie er ist. Der kann ihn verstehen und so seine ringende Entfaltung
begleiten - schützend in Zuneigung. Schlimm ist darin der Tod des
angenommenen Opas. Es bedeutet Einsamkeit und es bedeutet eben auch, unverstanden
zu sein in der subjektiven Konstruktion von "Weit" für
den kleinen Kerl. Enorm finde ich, wie das erzählt ist - und ohne
zu dicken Zorn auf die Nonnen. Ich denke, das wirklich Schlimme an der
Geschichte des Kleinen ist ja nicht die mißlingende Erziehung sondern
sein emotionales und somit kognitives Alleingelassensein. So verbleibt
er oft in seinen "Spinnereien", die ihm einzig Geborgenheit
lassen. Was ihm fehlt, ist ein Vermittler / Vater / Freund - emotional
UND kognitiv, bei dem er sich geborgen, verstanden UND beschützt
- aber auch ernst genommen weiß.
Das aber kann in der Regel keine Pädagogik, keine Berufsbeziehung
leisten. Sie verfehlt ja ständig die enormen Eigenleistungen, Mühen
und verständlichen, durchaus klugen, komisch sinnhaften und liebenswerten
Wirrnisse junger Menschen. Auch das ist sehr sensibel dargestellt und
zeigt einen Blick, der den immer schon vollständigen Menschen in
den Vordergrund rückt und das KIND als reine Projektion von dummen
und ignoranten Erwachsenen deutlich werden läßt. Das ist Pädo-Blick
/ ein Blick der Ernsthaftigkeit , der freudigen Liebe und Achtung. Das
ist der Blick zwischen Menschen in einem Generationsgefälle, der
den Unterschied fruchtbar und liebenswert macht. Höllenkind kommt
voll zum Tragen, auch in seinem Witz, in seiner enormen Schläue und
Kombinatorik. Aber nur der Oppa schätzt ihn deshalb - und später
ein Krankenpfleger. Und dieser Unterschied zueinander wird NICHT in eine
Vertikale gesetzt, sondern horizontal entfaltet - von Mensch zu Mensch
eben und nicht von Erwachsenem zum KIND.
Katholische Schnipsel
Ich denke, daß Pädos anhand dieses Romans genauer nacherleben
können, wie groß UNSER Abstand in der Wahrnehmung, im Verstehen-können
und im Mitfühlen IST , zu einem kleinen Freund UND vor allem
aber zu den Pädagogen/Erwachsenen. Es geht eben immer um Beziehung,
Geborgenheit und Nähe zueinander und es geht immer um ein Leben IN
Beziehung zu anderen und gerade zu erfahreneren Menschen. Alles andere
ist und bleibt hilflose, oft kalte Didaktik, falsche Erziehung und emotionale
Leere. Höllenkind leidet UND lebt. Aber seine Geschichten helfen
ihm. Auch gegen gutmeinende NUR-Erwachsene, die in ihrem sicher wohlmeinendem
Bemühen äußerlich bleiben. Sie sind funktional zugeordnet
aber beziehungslos.
Ein gelungener Roman einer frühen Entwicklung ist hier vorgestellt,
ein Text über Beziehung und Einsamkeit. Und es gibt keine Sentimentalitäten
a la : "armes, kleines, einsames Heimkind". Es gibt auch keine
Schuldzuweisungen. Humorvoll wird berichtet, wie Höllenkind die katholischen
Schnipsel bewältigt -für seine Welt, die er lebt, erlebt und
für sich brauchbar ordnet. Erzählt wird von einem äußerst
vitalen kleinen Burschen und davon, was er aus der schlechten , sperrigen
oft kalten Realität macht - und aus sich.
Kerus, in Juli 2000
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