| |
kleine meditation über die liebe.
Die liebe sei ein konstrukt des modernen menschen, heisst es. In
früheren zeiten gab es nur das begehren, heisst es. Und die liebe
wurde konstruiert, von einer westlich-christlichen moral, die in ihr die
ableitung der liebe zu gott sah. Gott konnte man nicht körperlich
begehren, also musste eine gefühlsregung erfunden werden, die man
als parallele zur zwischenmenschlichen begehrlichkeit auf gott anwenden
konnte. Aus dieser ur-liebe, heisst es, wurde dann die nächstenliebe
"geboren", die sich, in ihrer höchsten ausformung, zur
"liebe" zwischen zwei menschen entwickelte. Die liebe also als
konstrukt des religiösen menschen.
Nun glaube ich nicht, dass das, was ich fühle, wenn ich an den geliebten
jungen denke, ein unnatürliches konstrukt ist, reine ausgeburt eines
ingeniösen denkens. Rufe ich mir kurz in erinnerung, was ich mir
von Platons theorien noch im gedächtnis halten konnte, so scheint
mir, dass bei ihm auch eine art von liebe als höchstes gut am ende
der stufen zur wahrheit steht. Beginnend bei der liebe zum knaben, als
manifestation der grösstmöglichen körperlichen schönheit,
steigt die wahrheitssuchende seele empor zur bewunderung der schönheit
des geistes. Was ist das anderes, so wir es denn auf den individuellen
menschen als objekt anwenden, als eine art von liebe? Vielleicht als die
liebe, wie wir sie heute verstehen? Dagegen spricht, dass Platon (immer
voraussgesetzt, ich erinnere mich recht) die körperliche liebe zum
knaben auf dem weg zur vollendeten liebe zum geistig schönen irgendwann
einmal zurücklässt, die höchste stufe also rein geistig
ist. Etwas, das wir uns heute innerhalb einer sog. liebesbeziehung nicht
gerade als ideal vorstellen. Aber ich interpretiere Platon hier auch etwas
eigensinnig; er spricht ja nicht von der liebe zum menschen, sondern von
derjenigen zum "wahren, schönen".
Dennoch denke ich, dass diese liebe zum "wahren" auch bei uns
heute in der liebe zu einem jungen nachschwingt. Wenn wir einen jungen
lieben, so ist das einerseits voller begehren, körperlichem begehren.
Andrerseits begehren wir auch seinen geist, seine seele, sein immaterielles
sein. Und dieses begehren, das auf immaterielles als objekt gerichtet
ist, scheint mir erst dieses gefühl zu vervollständigen, das
wir liebe nennen. Die körperliche extase berechtigt uns noch nicht,
von liebe zu sprechen, erst die geistige extase, die sich im zusammensein
mit einem jungen einstellt, lässt uns wirklich - innerlich - erzittern.
Erst sie lässt in uns diese sehnsucht erwachen, die nicht allein
auf einen körper bezogen ist (dann ist sie nämlich nicht an
einen bestimmten jungen gebunden; sehr viele jungen haben sehr schöne
körper, an denen sich die sexuelle sehnsucht jederzeit entzünden
kann); nein, ich rede von einer sehnsucht, die uns zugleich bitter und
süss ist, die uns befällt, wann immer sie will, der wir uns
nicht erwehren können, und die auf einen ganz bestimmten jungen bezogen
ist; sie befällt uns auch, wenn wir vielleicht gerade von vielen
anderen jungen umgeben sind. Diese sehnsucht ist ein ausdruck der liebe,
und diese liebe, die sich darin manifestiert, kann niemals auf einem blossen
geistigen konstrukt aufgebaut sein.
Lesen wir frühe liebesdichtung, aus dem mittelalter etwa, so kommt
diese art von liebe auch zum ausdruck. Wir können darin nicht nur
das begehren erkennen, welches sich als deckmäntelchen die höfische
liebe umwirft, sondern wir sollten darin auch die ehrlich empfundene allumfassende
liebe entdecken. Und was in diesen gedichten an frauen so wortreich beschrieben
wird, werden auch unsere vorfahren in sexualibus, also pädophile
der frühzeit, empfunden haben.
Versenke ich mich in das gesicht meines geliebten jungen, das als foto
vor mir auf dem schreibtisch steht, so sehe ich hinter diesem gesicht
den jungen wie er war und ist: den jungen als ganzes. Ich rieche seinen
zimtduft, ich höre sein jungenlachen, ich fühle seinen sanften
atem auf meiner haut, ich erinnere mich aber auch seiner menschlichkeit,
seiner loyalität, seiner intelligenz, der ganzen liebenswürdigkeit
seiner seele und seines geistes. Das ist es, was ich immer an ihm lieben
werde, wenn auch nur in der erinnerung. Aber diese sehr individuellen
anteile an der liebe zu einem jungen vergingen auch bei früheren
jungen nicht. Auch wenn das begehren schwand, als die jungen älter
wurden, so liebe ich dennoch immer weiter diese immateriellen eigenheiten
der jungen, jugendlichen, mittlerweile männer, so sie sie sich bewahrt
haben. Nur allzuoft werden diese, dem jungen noch zutiefst eigenen charakterzüge
in laufe des "erwachsenwerdens" von eigenschaften zugedeckt
und erdrückt, die heutzutage ein gesellschaftliches weiterkommen
ermöglichen. Und das sind selten eigenschaften, die ich für
besonders liebenswert halte.
Aber ich schweife ab. Um nochmals auf die grundfrage zurückzukommen:
Die beschrieben gefühle, die ängste, glücks-schauer, sehnsüchte
und das tiefe bei-sich-sein, die sie auslösen, kann ich mir nicht
als konstrukt einer abendländisch-christlichen moral denken. Vielmehr
sind sie zeichen eines dem menschen seit urzeiten innewohnenden strebens
nach einheit mit sich und der welt, die sich in dem einzelnen menschen
kristallisiert. Es geht um das streben nach extase, nach ausser-sich-stehen
und gleichzeitg ganz bei-sich-sein. Nach einem sich selbst fühlen,
sich spiegeln im anderen, nach einem erleben des "Du", das auch
ein erleben des "Ich" ist. Liebe heisst, in einer welt, in
der von anfang an immer alles zum scheitern verurteilt ist, eine nische
zu finden, in der diese fatalität des scheiterns verlacht werden
kann. Das sind wünsche, die so alt sind wie die menschheit, und
wenn wir das mit liebe bezeichnen, so mag diese bezeichnung unvollständig
sein, nicht ausreichen. Aber wie könnten wir dieses streben und die
kurzen momenten des vollkommenen glücks (das natürlich nie vollkommen
ist, weil es niemals anhält, weil seine ewigkeit, die wir erleben,
immer nur eine scheinbare ist, der extase gleich), wie könnten wir
das jemals mit worten beschreiben? ---
---noch eine geschichte des unendlichen scheiterns: die liebeslyrik, die
genau das immer wieder versucht, immer wieder strandet und dennoch nie
aufgibt; darin ihrem objekt, der liebe, gleich.
© 2000 by jay_h. no reproduction in any way without my written permission.
gewidmet e.b. in erinnerung an die monate, in
denen wir die erwähnte nische manchmal zusammen bewohnen durften...
|
|