Lieber E.

du wirst diesen brief nie lesen, weil ich dich nicht damit belasten will; weil ich nicht möchte, dass du in unserer freundschaft, in meinem interesse für dich, etwas anderes siehst, als das, was es für dich schien. Wobei ich mir nicht sicher bin, was diese zeit, diese neun monate, für dich wirklich bedeuteten.

Du kamst in dieses land als flüchtling; du hast wohl entsetzliches durchgemacht, bevor du in meine stadt kamst. Ich weiss das nicht, weil du kaum darüber geredet hast. Aber du warst am leben, deine familie war am leben (bis auf deinen vater, der aber schon vor dem krieg starb); deine flucht aus der heimat, quer durch mazedonien und italien war aber auf jeden fall unvorstellbar für mich. Umso mehr bewunderte ich euern willen, das schreckliche zu vergessen und euch auf das leben in diesem land einzustellen.

Was ich an dir in diesem zusammenhang besonders bewunderte, war die fähigkeit, zu vergeben. Im gegensatz zu vielen anderen deiner landsleute, waren für dich die serben nicht alle einfach schlechte menschen. Ihr habt jahrelang unter ihnen gelitten (für dich wohl seit der frühesten erinnerung), aber du weisst auch, dass nicht alle serben zu den unterdrückern gehören. Du weisst, dass serbische kinder keine schuld auf sich geladen haben. Du setzt nationalität nicht mit charaktereigenschaft gleich. Und du stehst zu deinen einsichten, auch gegen die (verblendete) gemeinschaftliche ansicht deiner erwachsenen landsleute....

Ich war einer der ersten in diesem land, die du kanntest. Und ich musste in den ersten tagen eine art autorität ausgestrahlt haben, da ich zwar nur ein kleiner fisch in dieser institution war, die dich und deine familie aufnahm, aber trotzdem einer, der euch sagen musste, was ihr zu tun habt. Schnell hast du gemerkt, dass ich dir gegenüber gewisse sympathien empfinde, und ihr habt das natürlich ausgenützt. Wenn ihr irgendwas erreichen oder haben wolltet, hat deine familie dich vorgeschickt, mich zu fragen....und meistens hast du es auch bekommen. Es ging nicht lange, bis ich merkte, dass du auch gern in meiner nähe bist. Du hast dich neben meinen schreibtisch gesetzt, während die anderen kinder draussen spielten. Du warst einfach da; reden konnten wir nicht viel, weil wir die sprache des anderen nicht kannten. Aber du bist in diesem stuhl gesessen und hast mir einfach zugeschaut. Nicht gelangweilt, sondern eher wie jemand, der halt da sitzt, weil das sein platz ist. Und ich? Ich habe sehr viel lieber gearbeitet, wenn du in meiner nähe warst. Ich fühlte mich wohl mit dir.

Nachdem der krieg zu ende war, gingen auch die flüchtlingsströme zurück. Die notunterkunft, in der ich arbeitete, musste schliessen, und ich war meinen job wieder los. Ich musste mich entscheiden: Entweder wünsche ich euch viel glück und verabschiede mich von euch (wie ich das bei allen anderen familien gemacht habe), oder ich versuche, weiterhin den kontakt zu euch aufrecht zu erhalten. Der gedanke an dich machte mir die entscheidung leicht. Natürlich mochte ich auch den rest deiner familie, deine mutter, die vier schwestern und deinen älteren bruder. Aber du warst der entscheidende grund, warum ich euch auch weiterhin besuchte. Und ich merkte, dass du dich freust, wenn ich vorbei kam. So lud ich dich an fussballspiele ein. Gemeinsam freuten wir uns, wenn "unsere" mannschaft gewann. Es hat zwar einige spiele gebraucht, bis du ihren namen richtig aussprechen konntest, aber seit dem ich dir ein trikot von ihnen schenkte, weisst du, wie sie heissen. Und du jubelst gottseidank nicht mehr, wenn der gegner ein tor schiesst.

Als es dann kälter wurde, da der herbst kam, hab ich dich in‘s schwimmbad eingeladen. Du warst so begeistert davon, dass wir seither jedes wochenende dort verbringen. Das ist mir recht, weil ich dann sehr viel von deinem wunderbaren körper sehen kann. Und weil ich weiss, dass ich mit dem hübschesten und liebsten jungen des ganzen bades dort bin. Wir machen auch sonst viel zusammen: du kommst mich bei mir zuhause besuchen, wir fahren mal irgendwo hin, gehen billard spielen, usw. Und immer macht es dir spass, und du lachst, und mittlerweile kannst du auch schon so gut deutsch, dass du immerzu plapperst. Und wenn du neben mir im auto sitzt, drehst du sofort die heizung auf 29 grad, damit es dir wohl ist, und ich dreh sie wieder runter, und du wieder hoch, und am ende bist du immer sieger. Auch die musik wird sofort geändert, und ich muss stundenlang DJ Bobo oder Puff Daddy über mich ergehen lassen.

Das alles mache ich gerne, weil ich es liebe, wenn du mich dann anlächelst, wenn du mitsingst, wenn ich merke, wie plötzlich leben auf meinem beifahrersitz erwacht. Das hiesst aber nicht, dass du nicht genau merkst, wenn du zu weit gehst. Wie die meisten jungen, suchst du gerne deine grenzen, aber wie nur sehr wenige jungen bist du im stande, diese grenze auch sehr schnell zu erkennen und nicht über sie hinauszugehen. Du verfügst über eine erstaunliche fähigkeit, situationen schnell zu erfassen und richtig darauf zu reagieren. Du hast einen harten kopf und weisst dich durchzusetzten, aber du weisst auch, wann du lieber darauf verzichten solltest.

Vielleicht idealisiere ich dich jetzt. Aber was du aus diesen zeilen unschwer lesen kannst, ist die tatsache, dass ich mich im laufe der monate in dich verliebt habe. Aufzuzählen, was ich an dir mag, würde noch viel mehr seiten füllen, und ich denke, du weisst das selbst. So weisst du zum beispiel bestimmt, dass du einen sehr schönen körper hast; das ist für mich sicher nicht der wichtigste punkt, aber er erfreut das auge und die seele und ich schaue dich einfach sehr gerne an. Und das weisst du auch:)

Ich bin mir nicht ganz im klaren, wie viel du von meinen gefühlen kennst. Ich habe dir gezeigt, dass du der grund bist, warum ich deine familie besuchen komme. Das hast du wie selbstverständlich angenommen und du setzt deine rolle als "mein freund" auch gegenüber deinen geschwistern durch. Aber ich denke nicht, dass du weisst, wie sehr ich dich in den letzten monaten lieb gewonnen habe.

Und deshalb werde ich dir heute, da der endgültige abschied nur noch wenige tage entfernt ist, das auch nicht auf die nase binden. Deshalb schreibe ich dir diesen brief, der recht eigentlich ein liebesbrief ist, und gebe ihn dir doch nie zu lesen. Du sollst mich so in erinnerung behalten, wie ich für dich war: ein mann, der sich für euch einsetzte, der euch half, so gut es ging, der dich gerne zum freund hatte und der in dieser freundschaft glücklich war. Das alles stimmt. Nur dass da noch mehr war, mehr wünsche meinerseits, mehr fantasien und träume, das weisst du nicht. Und ich glaube, das brauchst du auch nicht zu wissen. Wenn ich jetzt gehen muss, und du bald darauf auch, in die entgegengesetzte himmelsrichtung; wenn wir nur noch an den anderen denken können in der gewissheit, dass wir uns nie mehr sehen werden; wenn wir uns schöner erlebnisse erinnern werden, und deshalb spontan wieder freundschaftliche gefühle wach werden....dann soll das bei dir ohne wehmut und ohne beigeschmack passieren. Du sollst dich an mich erinnern als der mensch, der ich für dich war; und nicht als derjenige, der ich in meinen träumen gern gewesen wäre.

Ich werde dir nächste woche nochmals sagen, wie gern ich dich habe. Ich werde dir nochmals meine hoffnung darlegen, dass du diese offenheit und menschlichkeit, die du auch den serben gegenüber zeigst, behälst. Ich werde dich davor warnen, der verführung des hasses zu erliegen. Dann werde ich dich umarmen und ich werde dich zum ersten mal (naja, zum zweiten mal, ok) küssen. Dann werde ich gehen und dich zurücklassen. Und wenn ich nach vielen monaten wieder hierher zurück komme, wirst du weg sein. Aber nur physisch. In meinen gedanken und in meinem herzen werde ich dich noch lange bei mir haben.

Pass auf dich auf...und: ich liebe dich!

G.