Besuch am Grab von John Henry Mackay

 

    Obwohl es erst drei uhr nachmittags ist, haben einzelne autos bereits das licht an, als ich, von Berlins mitte kommend, richtung süden fahre. Mein

ziel ist Stahnsdorf, ein kleiner ort neben Teltow, am südlichen stadtrand Berlins. Hier soll John Henry Mackay begraben liegen, der um die jahrhundertwende erst als anarchistischer dichter, dann als sänger der knabenliebe auftrat, letzteres unter dem nom de guerrre Sagitta. Mit 17 jahren habe ich zum ersten mal etwas von ihm gelesen, und seither haben er und seine bücher mich durch mein leben begleitet. Allein schon die offenheit, mit der er damals über die liebe zu jungen schrieb, und der mut, den dies erforderte, haben mich tief beeindruckt, und durch artikel und vorträge habe ich auch versucht, ihn vor dem vergessen zu retten.

Nun also fahre ich richtung Stahnsdorf, um auf dem dortigen waldfriedhof sein grab zu suchen. Die entscheidung dazu habe ich spontan gefällt, nachdem ein junge für das nachmittägliche squash spielen abgesagt hat. Mackay hätte es wohl verstanden, dass er in dem sinne nur zweite wahl ist. Vor fünf jahren versuchte ich schon einmal, sein grab zu finden, doch suchte ich damals auf dem falschen friedhof. Stahnsdorf hat insgesamt drei friedhöfe, einen, der direkt zum dorf gehört und zwei andere an der grenze zu Berlin, in einem grossen waldgebiet gelegen. Diese gehören eigentlich zur stadt Berlin, befinden sich aber auf dem gebiet von Stahnsdorf. Auf der hauptstrasse biegt man, von tempelhof her kommend, rechts ab, fährt erst am südwestkirchhof vorbei (dort habe ich Mackay vor fünf jahren gesucht und nicht gefunden), um dann einige hundert meter weiter vor dem tor des waldfriedhofes anzugelangen.

Ich steige aus meinem auto und gehe auf den unebenen wegen an einigen wirtschaftsgebäuden und den toiletten vorbei in richtung einer grossen informationstafel, in der hoffnung, dass das gesuchte grab darauf verzeichnet ist. Kein glück. Also wende ich mich um, um die verwaltung zu suchen, doch das kleine büro, dass ich in der nähe finde, ist abgeschlossen. Um die ecke höre ich stimmen. Ich gehe um das haus herum und sehe einige männer in arbeitskleidern, die mit dem Berliner wappen geschmückt sind. Auf gut glück spreche ich sie an, und frage, ob sie sich vielleicht hier auskennen. Ihr verdutzter blick sagt mir, dass sie wohl die friedhofsgärtner sind, und ich frage in die runde, ob einer weiss, wo ich das grab Mackays finde. Ein mann um die 30, von sympathischem äusseren, nickt und bietet mir an, mich dorthin zu führen. Ich halte das erst für übertrieben, aber als wir uns dann auf den weg machen, weiss ich, wieso er mir nicht einfach den weg beschrieben hat. Wir gehen auf einem breiten weg, der durch lichten wald führt. Eine brücke führt über eine senke, der einzige ort, wo keine grabsteine aus dem dickicht und dem unterholz ragen. Im wald selbst, zwischen den uralten und offenbar gesunden bäumen, lassen sich immer wieder verwitterte grabsteine entdecken, oft mit moos überwachsen, das ursprüngliche grau scheint sich langsam den farben des waldes, braun und dunkelgrün, anzupassen. Sollten die steine früher einmal eher wie fremdkörper in der natur ausgesehen haben, so merkt man ihnen das heute nicht mehr an. Sie schmiegen sich förmlich in die natur, der sie aber dennoch ein etwas morbides ambiente verleihen.

Nach der kleinen brücke biegen wir rechts ab, in einen kleinen weg, der mit E III bezeichnet ist. Spätestens hier hätte ich mich ohne die begleitung des gärtners zwischen den bäumen verirrt. E III bezeichnet ein urnengrabfeld, nur vereinzelt sind grabsteine auszumachen, die wie kurze säulen aus dem moos wachsen. Weitaus häufiger sind kleine rechteckige steine, die in ihrer abmessung an schmuckschatullen erinnern. Auf ihnen sind name und lebensdaten der darunter begrabenen verzeichnet, sonst nichts. Wir biegen links ab, auf eine kleine, freistehende fläche, in deren mitte ein leerer brunnen steht. Auf einer säule, die in der mitte des brunnens angebracht ist, sitzt eine steinerne eule, die friedlich auf die ruhe um sie herum blickt. Wir lassen den brunnen links liegen und betreten einen kleinen weg, dessen rand etwa 10 gräber säumen. Ganz am ende dieser reihe dann treffen wir auf zwei gräber, die im gegensatz zu den meisten anderen in diesem bereich des friedhofes frisch gepflegt sind. Tannenzweige bedecken den ort, an dem wohl die urnen begraben sind, dahinter ragen zwei grabsteine in die höhe. Auf dem linken steht der name Mackays. Das rechte grab gehört Hans Henck, der nach aussage des gärtners Mackays grab bis zu seinem eigenen tod 1996 hat pflegen lassen und den wunsch hatte, in der nähe Mackays begraben zu werden. Nun liegt er an seiner seite.

Beeindruckt stehe ich vor dem grab des grossen anarchisten. Ein etwas komisches gefühl beschleicht mich, und obwohl ich weiss, dass es unsinn ist, meine ich, mich ihm näher zu fühlen als sonst. Währenddessen redet der gärtner weiter und erzählt von der geschichte des friedhofes, der in den 20er jahren des jahrhunderts angelegt wurde. Das ganze gelände ist siebzig hektaren gross; der friedhof selbst mit seinen gräbern belegt davon etwa vierzig. Geplant war ein friedhof, der ganz Berlin dienen sollte, nach dem zweiten weltkrieg allerdings gehörte er zum östlichen teil der Stadt und es wurden nur noch höhere kader der partei dort begraben. Die bürger Stahnsdorfs fanden auf dem dorffriedhof ihre letzte ruhestätte. Nach der wiedervereinigung nun liegt der friedhof zu abgelegen und ist mit den öffentlichen verkehrsmitteln zu schlecht erschlossen, als dass sich noch viele menschen hier ihr grab wünschen.

Es ist mittlerweile schon beinahe zu dunkel, um noch fotografieren zu können, und so mache ich mich auf den weg zu meinem auto, in dem ich die kamera vergessen habe. Der freundliche gärtner verspricht mir, mittlerweile einen zeitungsartikel über Mackay herauszusuchen, der vor jahren in der Potsdamer presse erschienen ist. Mit dem fotoapparat zurück am grab, bin ich nun allleine und denke an Mackay und das leben, das er führte. Und plötzlich wird mir bewusst, dass dieser kampf, den er zeitlebens für freiheit und anerkennung geführt hat, nicht vergebens sein darf, dass wir eine gewisse verpflichtung haben, diesen kampf weiterzuführen, seine ideen zu aktualisieren und diese humanität, die ihm eigen war, nicht zu vergessen, sondern in unserer arbeit und in unseren herzen weiterleben zu lassen. Dass es noch andere menschen gibt, die so denken, erkenne ich daran, dass auch heute noch das grab gepflegt wird, dass er nicht ganz vergessen ist und dass seine schriften, so wie er sich das gewünscht hat, vielen generationen nach ihm denkanstösse und auch trost und mut gegeben haben und weiterhin geben wird.

Ich verlasse das grab, blicke noch kurz beim gärtner vorbei, um mir den zeitungsauschnitt anzusehen und tauche dann in den feierabendverkehr Berlins ein, von dem ich mich langsam zurück in die realität des 21. jahrhunderts tragen lasse.

jay_h