T zum letzten


16.15 uhr. Vor dem bahnhofscafe in u. sitzt bereits r. mit dem ich mich hier treffen soll. In den tagen nachdem ich von t's tod erfahren hatte, telefonierten wir miteinander und chatteten oft. R. fand tröstende worte und meinte später, er lasse mich nicht alleine t's grab besuchen. Irgendjemand müsse ja bei mir sein, falls es mir schlecht gehe. Obwohl ich sonst gerne alleine bin, gerade in situationen, die in mir grundlegende gefühle auslösen, habe ich nicht gezögert, sein angebot anzunehmen. Jemanden bei mir zu wissen, tat gut.

Durch die permanete verlustangst, die sich in den jahren meiner liebe zu jungen zum charaktermerkmal gemausert hat, ist in mir, vermutlich als ausgleich, eine perverse freude am leiden gewachsen. Nicht in einem masochistischen sinne, sondern eher als wunsch, aus dem realen verlust ein erhabenes gefühl zu generieren. Das vorstellbare extrem: ich stehe am grab meines jungen freundes und bin unendlich traurig. Diese vorstellung weckte in mir eine art befriedigung, da ich dachte, sie stelle mich auf eine nur ihr eigene art ausserhalb des kreises der anderen menschen.

Nun ist der fall eingetreten, der gleich nach diesem extrem auf der rangliste der perversen lustvorstellungen steht: ich stehe am grab eines jungen mannes, welcher als junge während zweier jahre der mir wichtigste mensch war. Aber keines der früher imaginierten gefühle macht sich bemerkbar. Ich stehe nicht da und gefalle mir in meiner trauer.

Ich stehe vielmehr vor dem grab, das von einem holzkreuz markiert wird. Davor ein schönes gewirr von sich verschränkenden, niedrig wachsenden blumen mit kleinen blüten. Ein schon leicht verblühter strauss rosaroter rosen wartet in einer vase auf seine auswechslung. R steht neben mir und hilft mir, den von mir mitgebrachten kleinen strausss gelber rosen auszupacken. Er findet eine vase, füllt sie mit wasser und bestimmt auch den platz auf dem grab, an dem mein strauss gut aussieht. Er passt zu dem gelb und blau der kleinen wildwachsenden blumen. Am kreuz ist in einer transparenten plastikhülle ein foto von t. angebracht. Es zeigt ihn offenbar nicht lange vor seinem tod. Er trägt seine haare länger als damals, bei unserem letzten treffen. Im linken arm ruht ein stoffschaf, t. lacht in die kamera und damit den besucher an.

Wo ist jetzt dieses erhabene gefühl der trauer? das ausser-mir-stehen und mich als trauernden beobachten? Es will sich nicht einstellen. Die fähigkeit, mich selbst gewissermassen von aussen zu beobachten, über die ich auch in den intimsten momenten mit jungen noch verfüge, scheint mir jetzt entglitten zu sein. Ich stehe nur da und fühle mich ganz bei mir, ganz bei ihm auch, aber ausserhalb der realität. Die vorstellung, dass seine asche hier vor mir, unter diesen blumen liegt, erscheint mir absurd. Während er mich von dem foto anlächelt, denke ich an die zeit mit ihm. Nicht daran, was wir zusammen erlebt haben, sondern vielmehr an ihn als körper, der atmet, lacht, spricht, zittert - lebt.

An seine immer etwas feuchten hände, die ich oft in meinen gespürt habe. Die er zärtlich auf mein knie legte und dann ganz kurz über meinen oberschenkel wandern liess, als begrüssung, wenn ich ihn in mein auto einsteigen liess. Die hände, die er hinter meinem nacken verschränkte, wenn er mich zum abschied auf dem bahnhof küsste. Asche jetzt?

An seine lippen, die beim ersten kuss so zögernd wie ein scheues tier waren, sich nur ein wenig nach vorne trauend, immer bereit, sich gleich wieder in sicherere gefilde zurückzuziehen. Die lippen, die t später so selbstverständlich auf meine presste. Asche jetzt?

An seine zunge, die meine zunge suchte, die mit ihr spielte und über meine zähne fuhr. Seine zunge, die diesen unnachahmlichen schnalzlaut produzierte, wenn er sich über etwas ärgerte; die all diese lieben, besorgten, jammernden, ärgerlichen, angstmachenden, beiläufigen, herabsetzenden, umsorgenden, zärtlichen worte artikulierte. Asche jetzt?

An seine brust, schon kräftig, die ganz warm war an diesem abend; die sich anfangs hastig hob und senkte, weil er vor lauter nervosität nur auf dem sofa lag, kein wort sagte, zitterte und heftig atmete. Seine brust, die ich immer wieder streichelte, die ich hübsch fand. Asche jetzt?

An seinen bauch, nicht gestählt, sondern weich und ein herrliches kopfkissen, wenn wir im sommer auf einer wiese lagen. Asche jetzt?

An sein glied, das... Asche jetzt?

*

Ich stehe vor seinem grab, r hat sich etwas entfernt, ich habe es kaum bemerkt. Ich knie nieder und kann mir nicht vorstellen, dass dieser t, den ich kannte, nun da unten liegt. T ist in einen absolut anderen zustand übergegangen. Den materiellen menschen, der er war, gibt es nicht mehr. Sein geist und seine seele mögen in anderen sphären weilen, oder sie starben mit seinem körper. Sein körper wurde nicht zu asche. Statt seiner zunge, seiner lippen, seiner brust und seines bauches liegt hier nun asche, aber es es ist nicht möglich, dass diese asche aus seinem körper entstanden ist.

Ich stehe wieder auf, beuge mich über sein grab und streichle mit dem zeigefinger leicht über das foto von t. Ich sage "ciao", nicht anders als damals, wenn wir uns verabschiedeten. Dann wende ich mich nach rechts und gehe los, um r zu suchen.

Ich verstehe jetzt nicht besser. Aber ich weiss, wo t ist: der tote t mag in diesem grab liegen, aber es ist nicht der t, den seine freunde gekannt haben. Dieser t lebt weiter, in uns. Und in uns lebt er freier, als in dieser welt, die er immer als einengend empfand.

Falls ich von etwas geheilt wurde an diesem tag, dann nicht von der trauer über seinen tod. Aber geheilt wurde ich hoffentlich von der annahme, dass der tod eines menschen in mir die lust an der trauer auslösen kann.


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