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Warum wir keine boylover sind ein text von jay_h
Männer, die auf jungs stehen, sind in der glücklichen lage, in ihrem "emanzipationskampf" auf historische beisspiele zurückgreifen zu können. Das letzte jahrhundert war von anfang bis ende von einem kampf durchzogen, der i.a. mit "homosexuellenbewegung" umschrieben wird. Im laufe dieses kampfes haben sich unzählige aktivisten und aktivistinnen an dieser aufgabe aufgerieben, haben resigniert, ihre ehre, ihre familie, ihren job verloren. Andrerseits haben all die anstrengungen auch früchte getragen, die homosexualität (oder welchen namen man dieser form des gleichgeschlechtlichen begehrens auch geben will) ist weniger unterdrückt als vor hundert jahren, mittlerweile legalisiert und sogar von der werbung, dem aktuellen indikator für gesellschaftliche akzeptanz, als kapitalproduzierend anerkannt. Gross ist allerorts trotzdem das geheule, da sich alt-aktivisten verraten sehen und über den verlust des revolutionären potentials der gay community jammern. Ein bedauernswerter zustand, aber dennoch tatsache. Macht fressen ideal auf, warum also sollte man sich ein anderes ideal als das der machtbeteiligung setzen? Besonders auffallend in all den jahren sind die auseinandersetzungen um die identität. Wer "ist" schwul, wer lesbisch? Wer "gehört" zur gay community, wer nicht? Wer darf sich schwul nennen, wer darf sich durch das wort schwul eine identität schaffen? Schwule vordenker kämpften im laufe der jahre gegen päderasten, feministinnen wollten keine sadomasochisten in ihren kampfesreihen sehen, solidaritäten wurden proklamiert, nur um später widerrufen zu werden. Am ende wusste niemand so recht, wer nun schwul war und wer nicht, und aus diesem dilemma half nur die erfindung eines neuen begriffes. So kam (nicht ganz neu, zwar, aber mit neuen inhalten aufgeladen) queer ins gespräch. Sehr verkürzt und vereinfacht ist queer einfach alles, was sich den konventionellen vorstellungen von heterosexualität widersetzt. Queer benennt also keine identität sondern definiert sich ex negativo; queer ist anti-identität eigentlich. Dass im laufe der queer-diskussion dann doch wieder pädosexuellen der anspruch auf den ausdruck abgesprochen wird, zeugt von einer grenzziehung, die als solches bereits wieder manifestation einer identitätskonstruktion ist. Es scheint, als ob wir der festschreibung und benennung unseres ichs und unseres begehrens nicht entfliehen können. Was aber heisst das für menschen, die auf jungs stehen? Menschen, die in den letzten jahren ein loses, aber gerade deshalb stabiles netzwerk aufgebaut haben? Können und sollen sich diese menschen durch ihr begehren definieren? Ein begehren, das dermassen disparat ist, dass es im individuellen fall sehr zurechtgestutzt werden müsste, um überhaupt irgendeiner übergeordneten definition zu entsprechen. Ist es überhaupt ratsam, dass sich jede noch so kleine sexuelle minorität über ihr begehren definiert? Führen wir (und mit wir bezeichne ich nicht boylover, sondern menschen, deren begehren hauptsächlich auf jungs gerichtet ist, wobei jungs hier altersmässig natürlich nicht definiert werden kann) den momentanen kurs weiter, der darauf zielt, eine übergeordnete identität (und über sie eine befreiung dieser identität) zu errichten und zu erreichen, so werden wir dort landen, wo auch die gay community gelandet ist: im sicheren schoss der gesellschaft. Nicht dass ich mir momentan vorstellen könnte, irgendwann einmal mit einem jungen vor den "traualtar" zu treten, wie es die schwulen in den letzten jahren so gerne und lautstark tun. Aber das konnten sich die aktivisten der ersten "schwulenbewegung" zu anfang des letzten jahrhunderts auch nicht. Und was würde eigentlich dagegen sprechen, dass wir nicht irgendwann erreichen könnten, eine gesellschaftlich abgesegnete exklusive "verbindung" von beschränkter dauer mit einem jungen einzugehen? Nur: kann das ein wirklich wünschbares ziel sein? Die gefahr, die von einer solchen identitäts-bildung im zeichen der boylove ausgeht, ist die selbe wie bei der gay community: auschluss und abgrenzung. Ich kann mich nur selbst definieren, wenn ich mich gegenüber anderen abgrenze. Und definiere ich mich über mein begehren, so muss ich mich gegenüber anderen begehren abgrenzen (ganz abgesehen davon, dass ich dann auch andere bereiche meines ichs, die vielleicht ebenso berechtigt wären, meine identität zu stiften, vernachlässige). Über den terminus BL ist keine ich-erhaltende identität möglich. Sich selbst als BL zu bezeichnen, kommt vielmehr einer beschneidung und zurechtstutzung unseres seins gleich. Sobald wir eine boylover community aufbauen, kommen wir nicht umhin, andere menschen auszugrenzen. Und wir kommen nicht umhin, anteile unseres eigenen ichs auszugrenzen und zu unterdrücken. Beides ist weder uns selbst noch anderen von nutzen. Nur das system, das uns umgibt, würde davon profitieren, da eine fassbare sexuelle minderheit, wie wir sie dann darstellen würden, leichter unter kontrolle zu halten ist, als ein amorphes netzwerk von "widerstandskämpfern" gegen die heterosexuelle konvention. Vielmehr sollten wir versuchen, uns an der der diskussion über queer zu beteiligen, uns in den diskurs zu bringen und den diskurs in uns. Sobald wir uns über BL definieren, begeben wir uns in die gefahr, auch aus diesem diskurs ausgeschlossen zu werden. Mehr sinn macht es, uns auch ex negativo zu definieren: als menschen, deren begehren (und ich rede hier nur von begehren, nicht von identität) nicht der konventionellen heterosexuellen vorstellung entspricht.
©2001 by jay_h |
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